Was ist gerecht?

Foto: aremac / photocase.comRechtzeitig zur Fußballweltmeisterschaft startet der SPD-Parteivorstand die Dialogkampagne „Faires Deutschland“ und fragt per Postkarte und Kampagnen-Internetseite: „Was ist fair?“.

Fairness vs. Gerechtigkeit

Damit greift die Parteiführung – wieder einmal – den Begriff der „Fairness“ auf. Den letzten umfassenderen Versuch, diesen Begriff in der Programmatik der Sozialdemokratie als Ergänzung (oder Ersetzung?) zur „Gerechtigkeit“ zu verankern, wurde mit dem „Bremer Entwurf“ für ein neues SPD-Grundsatzprogramm im Januar 2007 unternommen.

Im aktuellen „Hamburger“ Grundsatzprogramm der SPD taucht der Begriff „fair“ dann – auch nach kontroversen innerparteilichen Debatten – kaum noch auf.

Erstaunlich, dass die Parteiführung mit der Generalsekretärin Andrea Nahles den Fairness-Begriff nun wieder so prominent aufgreift, wo sie als Autorin doch seinerzeit maßgeblich an der Neufassung des Programmentwurfs beteiligt war, die schließlich zum Hamburger Programm führte. In der Programmdebatte wurden die Begriffe „Gerechtigkeit“ und „Fairness“ keinesfalls synonym genutzt, sondern standen für ganz unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen.

Fairness

Mit dem Begriff „Fairness“ knüpft die Parteiführung an John Rawls Gerechtigkeitskonzeption „Justice as Fairness“ (Gerechtigkeit als Fairness) an.

John Rawls definiert zwei Grundsätze:

  1. „Jede Person hat den gleichen unabdingbaren Anspruch auf ein völlig adäquates System gleicher Grundfreiheiten, das mit demselben System von Freiheiten für alle vereinbar ist.“
  2. „Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die unter Bedingungen fairer Chancengleichheit allen offenstehen; und zweitens müssen sie den am wenigsten begünstigten Angehörigen der Gesellschaft den größten Vorteil bringen (Differenzprinzip).“

Bei Rawls hat der erste Grundsatz zwar Vorrang. Der zweite Grundsatz macht aber deutlich, dass es nach seiner Vorstellung von Gerechtigkeit bzw. „Fairness“ durchaus akzeptierte und gar wünschenswerte Ungleichheiten geben kann: „Faire Chancengleichheit“ ist ausreichend, dazu ist soziale und ökonomische Gleichheit nicht erforderlich.

Gerechtigkeit erfordert Umverteilung

Im SPD-Grundsatzprogramm wird Gerechtigkeit als „gleiche Freiheit und gleiche Lebenschancen“, als „gleiche Teilhabe an Bildung, Arbeit, sozialer Sicherheit, Kultur und Demokratie, gleichen Zugang zu allen öffentlichen Gütern“ definiert. Dies erfordert „mehr Gleichheit in der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Macht“ (S. 15). Für die SPD ist in ihrer Programmatik für Gerechtigkeit ganz klar mehr Verteilungsgleichheit erforderlich.

Angesichts der realen gesellschaftlichen Ungleichverteilung, der zunehmenden Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich, ist Rawls Konzeption durchaus problematisch, da damit diese Entwicklung sogar legitimiert werden kann: Im Prinzip können beliebig große Differenzen als gerecht oder fair betrachtet werden, wenn nur auch die Benachteiligten davon profitieren.

Damit ließen sich z.B. auch die rot-grünen Steuerreformen begründen: War wurden damit die Reichen massiv entlastet, von der Senkung des Eingangssteuersatzes haben aber auch Gering- und Normalverdiener etwas profitiert. Eine echte Umverteilungspolitik, die die Unterschiede reduziert, ist in meinen Augen wesentlich gerechter, die rot-grünen Steuergesetze weißen ein klares Gerechtigkeitsdefizit auf.

Mehr Gleichheit

Die zunehmenden Ungleichheiten in der Gesellschaft dürfen uns Jusos und SozialdemokratInnen nicht ruhen lassen. Statt nach ideologischen Legitimierungen für Ungleichheiten zu suchen, sollten wir uns stärker als in der Vergangenheit für eine wirksame Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten einsetzen. Für uns Jusos kann es keine gerechte Ungleichheit geben – Gerechtigkeit ist für uns die gleiche Teilhabe und nicht nur die Chance auf gleiche Teilhabe.

Die einzelnen Forderungen der neuen Parteivorstandskampagne sind sicherlich richtig. Hoffen wir aber, dass diese Kampagne kein neuerlicher Versuch ist, sich programmatisch vom Ziel und der Notwendigkeit von Umverteilung zu verabschieden. Ich jedenfalls hätte es besser gefunden, wenn der Parteivorstand seine Kampagne „Was ist gerecht“ genannt hätte.

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Über unsere Verhältnisse?

Deutschland habe seit vielen Jahrzehnten über seine Verhältnisse gelebt, meinte Merkel beim Ökomenischen Kirchentag in München. Koch fordert Kürzungen selbst bei der Kinderbetreuung und den Bildungsausgaben. So bereitet Schwarz-Gelb die Menschen auf massive Kürzungen und Sozialabbau vor.

Doch tatsächlich gibt es in der Bundesrepublik Deutschland nicht zu wenig Wohlstand. Das Problem ist vielmehr, dass Wohlstandszuwächse, Einkommen und Vermögen zu ungleich verteilt sind. Dass kommunalen und staatlichen Haushalte große Defizite aufweisen, liegt zwar auch an den Rettungspaketen zur Krisenbewältigung, die Hauptursache sind allerdings die zahlreichen Steuersenkungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Alleine die rot-grüne Steuerreform ab dem Jahr 2000 hatte 2005 Einnahmeausfälle von rund 43 Milliarden Euro zur Folge, das Defizit der öffentlichen Haushalte war knapp 32 Milliarden Euro höher, als es ohne Steuersenkungen gewesen wäre. In den letzten Jahren wurden vor allem hohe Einkommen und Kapitalgesellschaften steuerlich massiv entlastet.

Weitere Steuersenkungen und Kürzungen bei Sozialleistungen und Investitionen in Bildung oder Infrastruktur sind jedenfalls das falsche Rezept. Angesichts des Investitionsstaus, der finanziellen Lage vieler Kommunen und benötigt der Staat vielmehr deutlich höhere Einnahmen. Dazu sind in bestimmten Bereichen auch Steuererhöhungen notwendig – hohe Einkommen und große Vermögen müssen wieder deutlich mehr zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben beitragen. Notwendig sind die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine höhere Erbschaftssteuer, mehr Ertäge bei der Einkommenssteuer vor allem durch einen höheren Spitzensteuersatz und natürlich die Einführung einer Finanztransaktionsteuer.

Es ist gut, dass nun auch die SPD-Parteiführung eingesehen hat, dass in der Steuerpolitik eine Trendwende notwendig ist und an einem Steuerkonzept arbeitet. Beim Juso-Bundeskongress in Essen werden wir Jusos am 19. Juni über unsere Anforderungen an ein sozialdemokratisches Steuerkonzept diskutieren.

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Schwarz-gelb abwählen

Vor der NRW-Wahl konzentriert sich ein großer Teil der politischen Auseinandersetzung und der Berichterstattung darüber auf Koalitionsspiele – politische Inhalte treten dabei leider in den Hintergrund. Dabei sind diese Farbenspiele vor dem Wahlsonntag nur mäßig spannend – welche Koalition nach dem 9. Mai Nordrhein-Westfalen regiert, hängt nach wie vor vom Wahlausgang ab.

Bei der Landtagswahl in NRW geht es nicht nur um rot-grün, schwarz-gelb, schwarz-grün, rot-rot-grün, Ampel, Jamaika oder große Koalition, sondern in erster Linie um Richtungsentscheidungen im Land und im Bund:

Farbenlehre für NRW

SPD Grüne
CDU FDP
CDU Grüne
CDU SPD
SPD Linke Grüne
SPD FDP Grüne
CDU FDP Grüne

Klar ist es angesichts dieser Fragen wichtig, wer nach dem 9. Mai in NRW regiert – ob die Mehrheit für eine fortschrittliche Polik reicht oder nicht. Nur mit einer starken SPD kann weiterer Sozialabbau, weitere Klientelpolitik für Bessserverdienende verhindert werden. Auf die konkrete Lebenssituation der Menschen haben die inhaltlichen Entscheidungen aber eine größere Auswirkungen als die Farbe des Parteibuchs einzelner Landesminister. Angesichts des Zustands der Bundesregierung ist es ein durchsichtiges Manöver von CDU und FDP, Ängste vor bestimmten Farbkombinationen zu schüren. Das beste Mittel für stabile politische Verhältnisse in NRW ist jedenfalls nicht die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition, sondern eine hohe Wahlbeteiligung, damit es die Nazis nicht in den Landtag schaffen.

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